Olympische Sommerspiele 2008
Nähmaschine im Peking-Einsatz, 11.08.2008
Ungewöhnliche Geräusche aus der orthopädietechnischen Service-Station von Bauerfeind: Aus Zimmer 307 dringt das Rattern einer Nähmaschine. Nicht einmal zwei Stunden braucht das Versorgungsteam, dann ist für den lädierten Ellenbogen von Handball-Nationalspielerin Nadine Härdter die Spezialanfertigung hergestellt.
Das gewonnene Auftaktspiel gegen die Brasilianerinnen war hart und hatte bei den deutschen Damen sichtbare Spuren hinterlassen. „Wir haben noch eine Kreisläuferin mit blauem Auge und mehrere kleinere Verletzungen“, berichtet Mannschaftsarzt Dr. Marcus Laufenberg in der Bauerfeind Service-Station im Deutschen Haus. Er ist immer noch empört über das phasenweise unsportliche Spiel der Gegnerinnen. Neben dem Arzt steht Nadine Härdter. Die Linksaußen hatte sich bei einer Abwehraktion den rechten Ellenbogen verletzt. Die Diagnose in der Poliklinik des Olympischen Dorfes ergab, dass zwar weder Knochen noch Bänder in Mitleidenschaft gezogen wurden. Allerdings war Flüssigkeit ins Gelenk eingedrungen. „Geht schon“, antwortet Nadine Härdter tapfer auf die Frage nach Schmerzen. Sie spielt seit 21 Jahren Handball und ist alles andere als zimperlich. Aber anständig werfen kann sie so erst einmal nicht.
Inzwischen überlegen Joachim Böckelmann und Katja Speth vom Bauerfeind Versorgungsteam laut, wie sie die Wünsche von Dr. Laufenberg und seinem Schützling umsetzen können. Benötigt wird ein Produkt, das eine vollständige Streckung des Ellenbogens in der jetzigen Phase des Heilungsprozesses verhindert, aber trotzdem einen Wurf ermöglicht und dabei nicht stört. Eine Orthese, also den Einsatz von Schienen und harten Materialien, schließen die drei Fachleute aus, denn die sind im Wettkampfspiel nicht zugelassen. „Ich hab’ die Nähmaschine hier“, sagt Katja Speth nach kurzem Überlegen und Joachim Böckelmann weiß, worauf seine Kollegin hinaus will. „Wir nehmen eine Ellenbogenbandage und entwickeln dazu ein Gurtsystem als Streckhemmung. Die Gurte nähen wir direkt an die Bandage.“ Als Nadine Härdter ungläubig guckt, kann Katja Speth sie beschwichtigen: „Wir haben das schon einmal gemacht. Es gibt eine Leidensgenossin.“
Gesagt, getan: Es wird anprobiert und zugeschnitten. Die Nähmaschine rattert zum ersten Mal in Peking. Dann wird wieder an- und ausprobiert. Alle wollen die im wahrsten Sinne des Wortes passende Lösung.
„Das ist Gold wert, was ihr hier macht“, findet Tim Oliver Kalle, Mannschaftsbetreuer der Handballer. Er beobachtet das Geschehen und nutzt gleichzeitig Rechner und Internetzugang in der Service-Station, um schnell noch seine neuen E-Mails zu beantworten. Zeit ist wirklich Mangelware bei Olympischen Spielen.
Nach nicht einmal zwei Stunden Aufenthalt beim Bauerfeind Team stellt Sitz, Funktionalität und Handhabung der Bandage mit dem Gurtsystem alle zufrieden. „Super, das probiere ich gleich aus“, freut sich Nadine Härdter und ein kleines zuversichtliches Lächeln macht sich auf dem Gesicht der Sportlerin breit.
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